Die Auswilderung von Orcas aus Gefangenschaft
Orcas sind faszinierende und hochintelligente Meeressäuger, die in freier Wildbahn komplexe soziale Strukturen, gruppenspezifische Dialekte und beeindruckende Jagdtechniken entwickeln. Doch leider wurden viele von ihnen gefangen genommen und in Aquarien oder Meeresparks zur Schau gestellt. In den letzten Jahren gab es jedoch verstärkte Bemühungen, diese majestätischen Tiere wieder in die Freiheit oder in sogenannte Meeresrefugien zu entlassen.
Auswilderung: Hoffnung auf ein Ende der Gefangenschaft
Orcas in Gefangenschaft haben ein Leben, das erheblich von dem ihrer Artgenossen in freier Wildbahn abweicht. Die Tiere benötigen eine grosse Fläche, um sich zu bewegen sowie soziale Interaktionen mit anderen Orcas. In Gefangenschaft werden sie jedoch in kleinen Becken und unnatürlichen Sozialgefügen gehalten und haben keine Gelegenheit, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Häufig kommt es zu physischen und psychischen Problemen, einschliesslich Aggression, Stereotypen (wiederholtes Verhalten ohne erkennbaren Zweck) und zu deutlich verkürzten Lebensspannen. Aus diesem Grund setzen sich Tier- und Meeresschutzorganisationen wie KYMA und Aktivist:innen auf der ganzen Welt für die Auswilderung von Orcas ein, die ihr Dasein bisher in Gefangenschaft fristen. KYMA ist Mitglied von Dolphinaria-Free Europe. Die Koalition hat ein Factsheet erarbeitet, das die körperlichen und psychischen Auswirkungen der Gefangenschaft auf Meeressäuger aufzeigt.
Keiko: Ein Meilenstein
Keiko, der Orca, der durch den Film «Free Willy» weltberühmt wurde, ist wohl eines der bekanntesten Beispiele für die Auswilderung eines Orcas. Er wurde 1979 vor der Küste Islands gefangen und verbrachte Jahrzehnte in Gefangenschaft, bevor sich eine internationale Bewegung für seine Freilassung formierte. Mit Unterstützung von Tierschutzorganisationen und Millionen von Spenden wurde Keiko 1998 nach Island gebracht, wo er sich in einer geschützten Meeresbucht schrittweise an das Leben in freier Wildbahn gewöhnen konnte.
Obwohl Keikos Wiedereingliederung nicht perfekt verlief und er nicht dauerhaft Anschluss an eine wilde Orca-Gruppe fand, verbrachte er seine letzten Jahre in Freiheit und legte tausende Kilometer im Nordatlantik zurück. Keiko erlag 2003 einer Lungenentzündung, doch sein Fall inspirierte viele weitere Projekte und lenkte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Problematik der Gefangenschaft von Orcas.
Die Freilassung von Orcas aus dem russischen «Walgefängnis»
In Russland sorgte im Jahr 2018 ein Skandal für weltweite Empörung, als bekannt wurde, dass sich über 100 Meeressäuger, darunter 11 Orcas und rund 90 Belugas, in engen Gehegen in der Nähe von Nakhodka im Osten Russlands befanden. Diese Einrichtung, die in den Medien als «Walgefängnis» bekannt wurde, diente dem illegalen Handel mit Meerestieren, oft nach China.
Der öffentliche Druck wuchs, als Bilder und Videos der eingesperrten Tiere viral gingen. Prominente und Umweltorganisationen forderten die Freilassung der Meeressäuger. Die russische Regierung reagierte schliesslich und beschloss, die Tiere in einem aufwendigen Prozess auszuwildern. Mit Unterstützung von Wissenschaftler:innen und internationalen Expert:innen begann im Sommer 2019 die Rückführung der Tiere in ihre natürlichen Lebensräume.
Die Freilassung erfolgte in Etappen. Die Orcas wurden in ihre Ursprungsregionen zurückgebracht, oft hunderte Kilometer von ihrem Gefangenschaftsort entfernt. Laut Berichten konnten mehrere der Tiere erfolgreich in bestehende Orca-Gruppen integriert werden. Dieser Erfolg ist nicht nur den engagierten Wissenschaftler:innen und Tierschützer:innen zu verdanken, sondern auch der Beharrlichkeit von Aktivist:innen, die die Freilassung überhaupt erst möglich machten.
Herausforderungen bei der Auswilderung
Die Auswilderung von Orcas ist ein langwieriger und schwieriger Prozess, der eine sorgfältige Planung und erhebliche Ressourcen erfordert. Die in Gefangenschaft gehaltenen Tiere haben ihre natürlichen Verhaltensweisen wie Jagdtechniken verloren oder sie gar nie entwickeln können und sie sind sich Interaktion mit Menschen gewöhnt. Dies macht es schwierig, sie wieder vollständig in die Wildnis zu integrieren.
Eine weitere Herausforderung ist die physische und psychische Gesundheit der Tiere. Orcas in Gefangenschaft leiden oft unter stressbedingten Krankheiten, körperlichen Missbildungen und Verhaltensstörungen. Der Übergang in die Freiheit kann daher ein schmerzhafter und verwirrender Prozess sein. Falls eine Auswilderung nicht möglich ist, so können die Orcas in Meeresrefugien ein natürlicheres Leben führen als in Gefangenschaft. Sie eignen sich als Übergangslösung, um die Tiere schrittweise an ein Leben in Freiheit zu gewöhnen.
Das Konzept der Meeresrefugien
Ein Meeresrefugium ist ein geschütztes Küstengebiet, das sorgfältig abgegrenzt und überwacht wird. Es bietet den Tieren ausreichend Platz zum Schwimmen, Tauchen und Erkunden in einer natürlichen Umgebung, die sie aus der Gefangenschaft nicht kennen. Anders als in einem Aquarium oder einem Themenpark sind die Refugien in natürlichen Buchten oder Fjorden angesiedelt, wo die Orcas mit dem offenen Meer in Kontakt kommen. Gleichzeitig wird durch Fachpersonen die notwendige Betreuung, Pflege und, falls nötig, medizinische Versorgung gewährleistet.
Die Verlegung in ein Meeresrefugium ist ein vielversprechender Schritt. Sie gibt den Tieren die Möglichkeit, wieder mit ihrer natürlichen Umgebung in Kontakt zu treten, ohne sie den Risiken einer vollständigen Auswilderung auszusetzen. Dies ist besonders wichtig für Tiere, die in Gefangenschaft geboren wurden oder gesundheitliche Probleme haben.
Sea Life Trust und das Beluga Whale Sanctuary
Auch wenn es sich nicht um Orcas handelt, ist das Beluga Whale Sanctuary des Sea Life Trust in Island ein bemerkenswertes Beispiel für den Erfolg von Meeresrefugien. Das Schutzgebiet, das 2019 eingerichtet wurde, beherbergt zwei Belugawale, Little Grey und Little White, die zuvor in einem chinesischen Freizeitpark gelebt hatten. Die Belugas haben sich an ihre neue Umgebung gewöhnt und zeigen Zeichen von verbessertem Wohlbefinden und natürlichem Verhalten. Derzeit entsteht auch in Kanada ein neues Meeresrefugium, das Orcas und Belugawale aufnehmen soll.
Artgerecht ist nur die Freiheit
Die Erfolgsgeschichten von Keiko, den Orcas aus Russland und des Beluga Whale Sanctuary in Island sind mehr als nur Einzelfälle. Sie zeigen, dass es Hoffnung für in Gefangenschaft gehaltene Meeressäuger gibt. Gleichzeitig lenken sie die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, die Gefangennahme und Haltung von Walen weltweit zu beenden. Solche Projekte tragen dazu bei, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen und Gesetzgebungen zu verbessern.
Zudem verdeutlichen sie, wie wichtig internationale Zusammenarbeit und öffentlicher Druck sind, um Veränderungen zu bewirken. Jeder einzelne Schritt in Richtung Freiheit ist für die Tiere ein Erfolg – denn artgerecht ist nur die Freiheit.
Freiheit für Kshamenk
Der Orca Kshamenk fristet seit 1992 ein einsames und eintöniges Dasein im Mundo Marino Park in Buenos Aires. Wir fordern den argentinischen Präsidenten Javier Milei dazu auf, Kshamenk zu helfen. Unterstütze uns!