Meerestiere in Sicht: Mittelmeer
Sichtungen von Meerestieren machen glücklich. Diese Behauptung bekräftigt auch Dr. Silvia Frey, unsere Meeresschutzbiologin an Bord von KYMA sea conservation & research. Und sie muss es wissen, verbringt sie doch jedes Jahr drei Monate mit Laienforscher:innen auf dem Mittelmeer, um Tierbeobachtungen zu dokumentieren: «Ich habe schon einige bei ihrer ersten Delfinsichtung weinen sehen.» Aber welchen Tieren kann man im Mittelmeer überhaupt begegnen und worauf gilt es bei einer Sichtung zu achten?
Verschiedene Delfinarten und Wale im Mittelmeer
Zwei wichtige Punkte zu Beginn: Natürlich steigen die Chancen, einem Meerestier zu begegnen, wenn man an Bord eines Schiffes ist. Und klar – ein Grossteil der Tiere bekommt man ohne Tauchausrüstung trotzdem nie zu Gesicht.
Dennoch ist es interessant zu wissen, was sich im Mittelmeer so tummelt. Und es kann sich wirklich lohnen, Ausschau zu halten. Denn Pott- und Finnwale sowie verschiedene Delfinarten und Meeresschildkröten können durchaus gesichtet werden. Allerdings gibt es dafür im Mittelmeer keine hundertprozentige Garantie. In anderen Weltgegenden ist das einfacher, dort treffen sich vor allem die Meeressäuger zum Paaren in bestimmten Buchten.
Aber es gibt auch im Mittelmeer einige Reviere, die je nach Jahreszeit als «Hotspot» gelten: Die Strasse von Gibraltar sowie die Strasse von Sizilien sind zwei interessante Gebiete für Meerestierliebhaber:innen. Die Wale und Delfine legen weite Strecken zurück und passieren auf ihren Wegen auch diese Strassen. Da es Meeresengen sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Auch zwischen Toulon, Sardinien und dem italienischen Festland im Ligurischen Meer kann es grössere Ansammlungen geben. Dort befindet sich ein riesiges Schutzgebiet, in denen Delfine und Wale im Sommer viel Nahrung finden. Die Balearen gehören ebenfalls zu den Hotspots.

Richtiges Verhalten: Distanz halten!
Wer das Glück auf seiner Seite hat und tatsächlich Tiere sichtet, sollte unbedingt ein paar Regeln beachten, wenn man sich in unmittelbarer Nähe auf einem Schiff befindet: Ist das Boot in Fahrt und gesellen sich Delfine dazu, sind Geschwindigkeit und Kurs möglichst zu halten. Befindet sich allerdings ein Pottwal auf dem Kurs, ist Beidrehen die einfachste Lösung.
Für alle Tierarten gilt: Beobachten aus Distanz (mindestens 100 Meter) ist kein Problem, direktes Auf-die-Tiere-Zusegeln allerdings schon. Auch das Wegabschneiden ist keine Option, genauso wenig wie das Sich-von-hinten-Nähern. Solches Verhalten kann die Tiere bedrängen und schlimmstenfalls sogar in Panik versetzen. Am besten überlässt man es den Tieren, wie eine Begegnung abläuft. Gerade Pottwale ruhen sich oft nahe der Wasseroberfläche aus, um Energie zu tanken. Sie brauchen diese Ruhezeit. Bei Finnwalen läuft die Begegnung anders ab. Sie sind viel schneller als Pottwale, ruhen sich nicht an der Wasseroberfläche aus und kommen nur kurz hoch, um sofort wieder unter Wasser zu verschwinden.
Auch wenn es reizvoll ist: Verzichte darauf, ins Wasser zu springen und mit den Tieren schwimmen zu wollen. Es handelt sich um Wildtiere – direkter Kontakt kann sowohl für sie als auch für dich gefährlich werden.
Tiersichtungen von Küstennähe bis ins offene Meer
Entscheidend dafür, ob ein Gebiet zum Hotspot für Wal- und Delfinsichtungen wird oder nicht, ist auch das Unterwasserrelief. Flacher Meeresboden eignet sich beispielsweise für einen Pottwal weniger gut, um Nahrung zu finden. Vor der ligurischen Küste, vor Südfrankreich oder den Liparischen Inseln hingegen stehen seine Chancen besser. Auch der sehr scheue Cuvier-Schnabelwal zieht die Gebiete mit Unterwassercanyons vor.
Und Grosse Tümmler, die wohl bekannteste Delfinart, halten sich gerne in Küstennähe auf. Das erhöht die Chancen, sie sogar von Land aus zu entdecken. Streifendelfine hingegen sind auf dem offenen Meer, und nur teilweise küstennah, anzutreffen. Sie sind die häufigste Art im Mittelmeer. Der Winter eignet sich von allen Jahreszeiten am wenigsten für Meerestierbeobachtungen. Nicht, weil es zu dieser Zeit keine Meeressäuger hat. Das Mittelmeer ist meist zu unruhig, man hat keine grossen Chancen, auf Distanz einen Walblas von der Gischt der Wellen zu unterscheiden.