Unser Mittelmeer ist einzigartig und bedroht – schützen wir es!

Das Mittelmeer kennen wir seit Generationen als eine unserer liebsten Urlaubsdestinationen. Aber wusstest du, dass unser Mittelmeer ein weltweiter Hotspot der Artenvielfalt ist? Und dass es trotzdem kaum Schutzgebiete gibt, obwohl es eines der am stärksten genutzten und bedrohten marinen Ökosysteme weltweit ist?

Hier setzt die Arbeit von KYMA sea conservation & research an. Wir arbeiten daran, dass ein biologisch wichtiges Gebiet in Süditalien unter Schutz gestellt wird.

Ein unbekannter Hotspot der Artenvielfalt

Das Mittelmeer ist den meisten Menschen vor allem als beliebtes Urlaubsziel bekannt. Umso überraschender ist für viele, dass in diesem Nebenmeer des Atlantiks auch Wale leben. Tatsächlich sind im Mittelmeer drei Walarten, sieben verschiedene Delfinarten sowie eine Schweinswalart beheimatet. Total sind in diesem interkontinentalen Meer rund 17’000 Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen worden. Das entspricht einem Anteil von 18% der weltweiten Meeresflora und 7.5% der weltweiten Meeresfauna, von denen wiederum ein sehr hoher Anteil (20-30%) nur im Mittelmeer vorkommt. Dass ist eine ausserordentlich hohe Biodiversität, wenn bedacht wird, dass das Mittelmeer nur gerade 0.8% der weltweiten Meeresoberfläche und 0.3% des weltweiten Ozeanvolumens ausmacht.

Ein bedrohter Hotspot

Nur 6% des Mittelmeers stehen unter Schutz – effektiv gemanagt sind sogar nur 0.23%. Dabei ist die einzigartige Artenvielfalt des Mittelmeers wie kaum anderswo bedroht:

Überfischung

Über die Hälfte der kommerziell genutzten Bestände gilt als stark überfischt (FAO, 2023). Alle im Mittelmeer vorkommenden Waltierarten stehen auf der Roten Liste der IUCN. Die Situation hat sich in den letzten zehn Jahren zwar leicht verbessert, doch die Bestände brauchen weiterhin Zeit und Schutz, um sich zu erholen.

Verschmutzung

Durch seine geschlossene Lage und die dichte Besiedlung rundherum wirkt das Mittelmeer wie ein Auffangbecken für Abfälle. Die Plastikdichte im Wasser erreicht Werte, die sonst nur in den grossen ozeanischen Müllstrudeln des Atlantiks und Pazifiks vorkommen.

Unterwasserlärm

Als zentrale Handelsroute zwischen Atlantik und Indischem Ozean queren jährlich 30% des weltweiten Frachtverkehrs und 20% der globalen Öltransporte das Mittelmeer. Der resultierende Unterwasserlärm stört die Orientierung von Meerestieren – mit Folgen wie Walstrandungen, Schiffskollisionen oder gestörter Kommunikation und Partnersuche.

Was dabei oft vergessen geht: Der Zustand des Mittelmeers wirkt sich direkt auf die Lebensqualität in Europa aus. Es beeinflusst Klima und Wasserhaushalt südlich und nördlich des Alpenraums ebenso wie Ernährungssysteme und Tourismus.

Wie wir dagegenhalten

Wirksamer Meeresschutz braucht solide wissenschaftliche Grundlagen – doch für viele Schlüsselregionen im Mittelmeer fehlen diese bislang. Genau hier setzt KYMA an.

Mit unseren Forschungsexpeditionen im zentralen Mittelmeer schliessen wir diese Datenlücken. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse bilden die Basis dafür, das Gebiet vor der Ostküste Siziliens als IMMA (Important Marine Mammal Area) auszeichnen zu lassen – ein international anerkannter Status der IUCN. Er ist der erste Schritt, um das Gebiet gemeinsam mit Partnerorganisationen und Behörden unter effektiven nationalen Schutz zu stellen.

Das angestrebte Schutzgebiet

KYMA fokussiert sich auf ein Gebiet, das einerseits eine hohe Biodiversität und trotzdem geringen Schutz aufweist, andererseits wenig erforscht ist aber auch stark genutzt wird: Das Gebiet rund um die Strasse von Messina im zentralen Mittelmeer.

Das Forschungsgebiet erstreckt sich vom Tyrrhenischen Meer mit der nordöstlichen Küste von Sizilien, dem vulkanischen Archipel der Äolischen Inseln und der kalabrischen Nordküste, durch die Strasse von Messina ins Ionische Meer entlang der ganzen östlichen Küste von Sizilien bis südlich von Siracusa.

Forschungsexpeditionen

Wir konzentrieren uns auf die Verbreitung und Populationsgrössen grosser Arten wie Waltiere, Meeresschildkröten und grosse Fischarten. Sie stehen an der Spitze der Nahrungskette und sind auf ein gesundes, funktionierendes Ökosystem angewiesen. Wird ein Gebiet von diesen Arten intensiv genutzt, ist das ein starkes Indiz dafür, dass es auch für das gesamte marine Ökosystem – und damit für zahlreiche weitere Arten – von grosser Bedeutung ist. Deshalb eignen sich diese sogenannten Zeigerarten besonders gut für die Forschung.

Von Frühling bis Herbst führen wir mehrere Expeditionen mit einem Segelschiff durch. Unter der Leitung von erfahrenen Meeresbiolog:innen und Skipper:innen nutzt das Team bestehend aus 6-7 wöchentlich wechselnden Freiwilligen (Citizen Scientists) dabei folgende Methoden:

Citizen Scientists

Freiwillige Helfer:innen in einem Forschungsprojekt, die nicht zwingend über eine wissenschaftliche Ausbildung verfügen müssen. Unsere Meeresbiolog:innen instruieren und coachen diese und stellen die Qualität der erhobenen Daten sicher.

Möchtest du einen Einsatz als Citizen Scientist in unserem Forschungsprojekt leisten?

Kernstück unserer Forschungsarbeit auf See ist die Zählung von Walen, Delfinen und anderen grossen Meerestieren. Dafür nutzen wir den Linientransekt – die weltweit anerkannte Standardmethode der Walforschung.

Dabei fährt unser Schiff festgelegte Routen ab, entlang derer alle Sichtungen systematisch erfasst werden. Aus diesen Daten entstehen Verbreitungskarten pro Art, Jahr und Monat, die sich zum Beispiel mit dem Schiffsverkehr in Beziehung setzen lassen. Bei ausreichend vielen Sichtungen lässt sich zudem abschätzen, wie viele Tiere einer Art im Gebiet leben.

Ergänzend wird jede Sichtung fotografisch dokumentiert. Diese sogenannte Foto-Identifikation – anhand einzigartiger Merkmale wie Fluke, Finne oder Narben – ermöglicht es, einzelne Tiere wiederzuerkennen und so mehr über Populationsgrösse, soziale Strukturen, Fortpflanzung und Wanderverhalten zu erfahren.

Um auch die Arten mit langen Tauchphasen erfassen zu können, kombinieren wir die Transektfahrten stets mit einem Unterwassermikrofon, welches die artspezifischen Wallaute aufzeichnet. So bekommen wir ein umfassendes Bild aller Waltiere, die sich im Gebiet aufhalten.

Der Vergleich mehrerer Jahre zeigt, wie bedeutsam das Gebiet langfristig für die jeweiligen Arten und somit die marine Biodiversität ist – immer im Zusammenhang mit den Umweltbedingungen, die Verhalten und Verteilung der Tiere mitbeeinflussen.

Plastikabfälle gefährden Waltiere und zahlreiche weitere Meeresbewohner. Deshalb untersuchen wir im Forschungsgebiet auch die Plastikverschmutzung und deren Entwicklung über die Zeit auf zwei Arten: Mit dem sogenannten Manta Trawl, einem speziellen Netz, nehmen wir wetterabhängig 1-2 Mikroplastikproben pro Woche, die von unserem Partner Oceaneye im Labor analysiert werden. Zusätzlich zählen wir während der Transektfahrten stichprobenartig das an der Oberfläche treibende Makroplastik. So tragen wir zur Charakterisierung der Plastikbelastung vor Ort bei.

Ein Meilenstein ist in Reichweite

Unsere mehrjährigen Daten zeigen deutlich: Das Forschungsgebiet wird im Sommer intensiv von neun Wal- und Delfinarten genutzt, von denen die meisten als gefährdet gelten – ein wichtiges erstes Ergebnis auf dem Weg zum Schutzgebiet. Der Initiative Important Marine Mammal Areas (IMMA) fehlte für dieses Gebiet bislang die Datengrundlage, um es offiziell auszuweisen. Genau diese Lücke schliessen wir jetzt mit unserer Arbeit.

Unsere bisherigen Forschungsresultate werden wir für die Neubeurteilung der IMMAs im Mittelmeer einreichen, die 2027 stattfinden wird. Die Chancen stehen gut, dass dadurch die Bezeichnung eines neuen IMMAs in unserem Forschungsgebiet erfolgt. Das ist ein Meilenstein, auf den wir mit unserer langjährigen Forschungsarbeit direkt hingearbeitet haben und ein entscheidender Schritt für den Schutz des zentralen Mittelmeers.

Die Ausweisung als IMMA ist nicht das Ende, sondern ein zentrales Zwischenziel. Der Status hat Gewicht: Das IMMA-Gremium besteht aus international angesehenen Wissenschaftler:innen, entsprechend wird die Initiative von Behörden anerkannt und respektiert – eine starke Basis für den Dialog mit staatlichen Stellen.

Unsere Daten grafisch aufbereitet in der internationalen und öffentlichen Datenbank OBIS Seamap

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